Wie wird der Bandscheibenvorfall behandelt?

Wie wird der Bandscheibenvorfall behandelt?

Meist genügt bei einem Bandscheibenvorfall eine konservative Therapie. Dazu gehört neben Schonung und Schmerztherapie auch eine Physiotherapie. Wenn die Symptome über mehrere Wochen andauern wird operiert. Bei Lähmungen oder Störungen der Blase ist eine sofortige Operation notwendig.

Die Bandscheiben liegen zwischen den einzelnen Wirbelknochen der Wirbelsäule. Dort puffern sie die Erschütterungen beim Laufen ab und ermöglichen die Beweglichkeit der Wirbelkörper gegeneinander. Bandscheiben bestehen aus einem Bindegewebsring und einem weichen, gallertartigen Kern. Reisst der Bindegewebsring und treten Teile des Gallertkerns aus, spricht man von einem Bandscheibenvorfall.

Erkrankungen der Bandscheiben machen einen grossen Teil aller Rückenbeschwerden aus – jeder fünfte Krankenstand geht auf sie zurück. Der Bandscheibenvorfall (Diskusprolaps) und die Bandscheibenverwölbung (Diskusprotrusion) treten am häufigsten auf.

Die Ursache des Bandscheibenvorfalls sind meist Verschleisserscheinungen, die den Faserring um den Gallertkern im Lauf der Jahre spröde gemacht haben. Auch der Gallertkern selbst altert. Er verliert seine Fähigkeit, Wasser zu speichern, verhärtet, wird kleiner und büsst seine Puffereigenschaften ein. Gleichzeitig verringert sich der Abstand zwischen den Wirbelkörpern, der Bandapparat lockert sich, und der Faserring um den Kern verwölbt sich (Diskusprotrusion), bis er schliesslich reisst (Diskusprolaps).

Fehlbelastung und Überbelastungen begünstigen Bandscheibenprobleme. Jahrelanges schweres Heben mit der falschen Technik, also etwa stark vornüber gebeugt, belasten den gesamten Rücken. Auch eine tägliche stundenlange Fehlhaltung, etwa am zu niedrigen Schreibtisch am Computer, drücken die Wirbel in eine ungesunde Position.

Menschen mit schwach ausgebildeter Rückenmuskulatur haben ein höheres Erkrankungsrisiko, da ihre Wirbelkörper stärker durch Bänder und Gelenke als durch Muskelspannung stabilisiert werden. Auch starkes Übergewicht kann den Verschleiss der Bandscheiben fördern. Häufig betroffen sind ausserdem Schwangere bzw. Frauen nach einer Schwangerschaft.

Die meisten Bandscheibenprobleme treten im Alter zwischen 30 und 60 Jahren auf; der Erkrankungsgipfel liegt zwischen dem 45. und 55. Lebensjahr. Bei genauer Diagnostik können bei fast allen Menschen über 30 Jahren degenerative Veränderungen der Bandscheiben und der Wirbelsäule festgestellt werden. Manche haben ein Leben lang schwer körperlich gearbeitet, ohne jemals Rückenprobleme zu bekommen. Andere sind schon als junge, sportliche Menschen von einem Bandscheibenvorfall betroffen. Die individuelle, genetisch festgelegte Stabilität des Bindegewebes der Bandscheiben scheint also eine grosse Rolle zu spielen.

Seltener führen Unfälle zu einem akuten Bandscheibenvorfall. Der Faserring reisst dann bei einer einzelnen schweren Belastung – in der Regel mitsamt eines kleinen Knochensplitters aufgrund einer Wirbelfraktur – aus dem Wirbelkörper.

Die meisten Bandscheibenvorfälle ereignen sich im Bereich der unteren Lendenwirbel (90 Prozent). Weniger häufig ist die Halswirbelsäule, noch seltener die Brustwirbelsäule betroffen.

Welche Beschwerden verursacht ein Bandscheibenvorfall?

Viele Bandscheibenvorfälle verursachen keinerlei Beschwerden. Sie werden zufällig bei Röntgenuntersuchungen entdeckt, ohne dass der Betroffene etwas davon bemerkt hätte.

Schmerzen entstehen erst, wenn der Vorfall oder die Vorwölbung der Bandscheibe auf empfindliches Nervengewebe drückt. Die Schmerzen können als stark bis beinahe unerträglich wahrgenommen werden. Betroffene nehmen eine ausgeprägte Schonhaltung ein und können sich kaum bewegen. Am Ort des Vorfalls ist die Muskulatur stark angespannt, und es bestehen von dort diffus ausstrahlende Schmerzen. Pressen, Niesen oder Husten verstärken die Schmerzen.

Intensität, Art und Ausstrahlung der Schmerzen sowie das Auftreten weiterer Symptome hängen vom Ort des Vorfalls ab. Im oberen Bereich der Hals- oder Brustwirbelsäule verläuft im Wirbelkanal das Rückenmark, im unteren Teil die absteigenden Nervenbündel des so genannten Pferdeschweifs (Cauda equina). Im Bereich der ersten Lendenwirbelkörper entlässt das Rückenmark Nervenstränge, die weiter nach unten bis zum Kreuzbein ziehen. Zwischen den Wirbelkörpern entspringen aus Nervenwurzeln die Nervenbahnen zu Muskulatur, Haut und Organen.

  • Druck gegen eine dieser Nervenwurzeln verursacht intensive, plötzlich einsetzende Schmerzen am Ort des Geschehens und zusätzliche (projizierte) Schmerzen im Versorgungsgebiet des Nerven (radikulärer Schmerz). Gefühlsstörungen wie Ameisenlaufen und Taubheit können begleitend auftreten. Der betroffene Rückenbereich kann sich auch pelzig anfühlen. Im Bereich der Halswirbelsäule schmerzen die Arme und Hände (Brachialgie); Vorfälle zwischen Lendenwirbeln strahlen in den Bereich der entsprechenden Nervenwurzel bis ins Bein oder den Fuss aus. Oft gerät dort der Ischiasnerv (Nervus Ischiadicus) unter Druck ( Ischialgie). Eine starke, anhaltende Quetschung einer Nervenwurzel kann Muskelschwäche und Lähmungen zur Folge haben.

Ein nachlassender Schmerz bei fortschreitender Lähmung ist ein Warnzeichen! Die entsprechende Nervenwurzel kann dann so stark geschädigt sein, dass Schmerzbahnen bereits abgestorben sind und nun motorische Nerven zu den Muskeln Schaden nehmen (Nervenwurzeltod). Ist dies der Fall, muss rasch operiert werden.

  • Bei Druck gegen das Rückenmark können Krämpfe (Spasmen) der Beine auftreten, ebenso intensive Schmerzen, Lähmung oder Gefühlsstörungen in Armen und Beinen. Lähmungen der Schliessmuskulatur von Blase und Darm, Gefühlsstörungen im Bereich des Anus und Genitalbereiches sowie Potenzstörungen sind möglich. Bei Blasen- und Darmstörungen ist sofortige ärztliche Hilfe und Entlastung der Nerven durch eine Operation nötig, um bleibende Schäden zu verhindern. Es handelt sich um einen Notfall!
  • Grosse Bandscheibenvorfälle im Bereich der Nervenbündel im Wirbelkanal können ebenfalls Störungen der Blasen- und Darmfunktion zur Folge haben, dazu Taubheit in der Anal- und Genitalregion sowie an den Innenseiten der Oberschenkel und Lähmungen an den Beinen (Caudasyndrom).

Wie wird ein Bandscheibenvorfall diagnostiziert?

Den wichtigsten Hinweis auf einen Bandscheibenvorfall liefert dem Arzt die typische Krankengeschichte (Anamnese) und die Art der Schmerzen. Die Standarddiagnostik ist eine ausführliche klinisch-neurologische Untersuchung. Dabei werden Reflexe, Kraft und Sensibilität der Extremitäten geprüft. Der Neurologe erkennt anhand des Ausstrahlungsortes der Schmerzen oder Empfindungsstörungen, welche Nervenwurzel betroffen ist. Am Gangbild können mögliche Lähmungen offenbar werden. Meist reichen diese Untersuchungen schon aus, um einen Bandscheibenvorfall mit hoher Wahrscheinlichkeit zu diagnostizieren.

In schweren Fällen, zum Ausschluss anderer Ursachen oder bei Vorbereitung/Entscheidung zur Operation werden bildgebende Verfahren eingesetzt. Auf dem Röntgenbild lässt sich die knöcherne Struktur der Wirbelsäule darstellen. Fehlstelllungen, Knochenschäden und die Beweglichkeit sind beurteilbar. Der Bandscheibenvorfall selbst ist nur mit Computertomographie oder Magnetresonanztomographie gut zu erkennen. Auf den MRT-(CT-)Schnittbildern werden die Grösse und der genaue Ort des Vorfalls sichtbar.

Da etwa ein Drittel der 30-Jährigen und über 60 Prozent der Menschen über 50 Jahren schon einen symptomlosen Bandscheibenvorfall hatte, ist der MRT-(CT-)Befund eines Vorfalls nicht beweisend für die Diagnose. MRT-Bild und Beschwerdebild müssen zusammenpassen.

Nervenschäden sind bei einer Messung der Nervenleitgeschwindigkeit (Elektroneurographie, Elektromyographie) genau zu bestimmen.

In speziellen Fragestellungen zur Klärung der Operationsindikation oder wenn sich aus CT und MRT keine eindeutigen Befunde ergeben, kann eine Myelographie durchgeführt werden. Dabei spritzt der Arzt vor der Röntgenuntersuchung ein Kontrastmittel in den Rückenmarksraum ein. Unter Bewegung der Wirbelsäule werden sogenannte „mobile Bandscheibenvorfälle“ nachgewiesen (Funktionsmyelographie).

Ähnliche Beschwerden wie ein Bandscheibenvorfall können Durchblutungsstörungen der Beine auslösen (Claudicatio intermittens). Der Arzt schliesst diese Differenzialdiagnose durch Tasten der Fusspulse aus. Selten kann auch eine Infektionskrankheit ( Borreliose, Herpes Zoster) die Ursache der Schmerzen sein. Eine Untersuchung des Nervenwassers ( Lumbalpunktion) und eine Blutuntersuchung auf die Erreger werden bei entsprechendem Verdacht durchgeführt.

Statt der Bandscheibe kann selten auch ein Tumor auf Nerven drücken und Schmerzen auslösen. Zusätzlich bestehendes Fieber, Nachtschweiss, nächtliche Schmerzverstärkung und ungewollter Gewichtsverlust weisen darauf hin. Spezielle Röntgen-(CT-)Aufnahmen mit Gabe eines Kontrastmittels in die Vene sind dann zur Tumordiagnose notwendig.

 

Wie verläuft die Bandscheibenerkrankung?

In den Wochen nach dem Ereignis trocknet die vorgefallene Gallertmasse aus und wird kleiner. Die Schmerzen nehmen ab. Bei 90 Prozent der Betroffenen reicht eine konservative Behandlung mit Schonung und Schmerzmitteln aus. Falls aufgrund von Lähmungen oder anhaltender Schmerzen operiert werden muss, liegt die Erfolgsquote des Eingriffs bei etwa 80 Prozent.

Im Anschluss an die akute Erkrankung empfiehlt es sich, sein Leben rückenfreundlich umzustellen. Betroffene lernen in der Rehabilitation oder Physiotherapie Übungen zur Stärkung der Rumpfmuskulatur und Rückenschonung.

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Autor: 16.09.2016 Thomas Zwicky (Rückenzentrum THERGOfit Bad Ragaz)

Quelle: www.rückenforum.ch